Russland und das große Vergessen

Wenn Sie die Geschichte nicht kennen, können Sie nicht verstehen, was Wladimir Putin vor hat

Übersetzung eines Artikels von Anne Applebaum vom 10. November 2015. Bild: “Ukrainian military base at Perevalne during the 2014 Crimean crisis. Russian GAZ-2975 Tigr behind the unmarked soldiers.” (Anton Holoborodko) Das Bild wurde auf ein passendes Format zugeschnitten (Quelle)

Im Sommer 1985 verbrachte ich zwei Monate in der Stadt, die einmal Leningrad genannt wurde. Zusammen mit ein paar Dutzend anderen amerikanischen Studenten waren wir in einem heruntergekommenen Intourist-Hotel untergebracht. Scharfsichtige alte Damen saßen an den Enden eines jeden Flurs; in der Lobby hingen neugierige arbeitslose Männer herum. Jeden Tag gingen wir zum Russischunterricht in die Universität, wo wir ebenfalls davon ausgingen genau beobachtet zu werden. Aber an den Nachmittagen und Abenden durften wir die Stadt erkunden und neue Freunde kennen lernen.
Was wir auch getan haben, wobei rückblickend betrachtet, diese Freundschaften etwas eigenartig und gezwungen waren.
Sogar beim Kennenlernen war es schwierig. Bevor man in die UdSSR aufgebrochen ist, sammelte man Namen von Russen von anderen Amerikanern die vorher schon da gewesen waren, oder von Freunden von Freunden, meist sowjetische Juden, die kürzlich ausgewandert waren. Sobald man im Land war, nahm man Kontakt mit möglichen Bekanntschaften auf, von einem Münztelefon aus, um nicht erwischt zu werden, und kam dann mit Geschenken an. Jemand bat mich darum, seiner Verwandten in Leningrad ein russischsprachiges Exemplar von Jack Londons Ruf der Wildnis zu bringen. Ich kann mich immer noch an den enttäuschten Gesichtsausdruck erinnern, den man für einen Moment vernehmen konnte, als ich ihr das Geschenk überreichte. “Ein Buch für Kinder,” murmelte sie mit Bedauern.

Die Russen, die ich getroffen habe, wollten keinen Jack London. Sie wollten Zeitungen, Magazine, irgendwas mit Fotos aus den Vereinigten Staaten. Sie wollten auch über die Vereinigten Staaten reden—eine ganze Menge. Die Intellektuellen hatten Fragen zur Politik, zu literarischen Trends, oder, ob es wirklich eine kommunistische Partei Amerikas gäbe. Andere wollten wissen, wie viel unsere Autos kosteten, und ob Leute aus der Arbeiterschicht wirklich Häuser besitzen würden. Keiner von ihnen war jemals im Ausland gewesen und in den Zeiten vor dem Aufkommen des Internet und des Satellitenfernsehen konnten auch gebildete Leningrader wirkungsvoll von der Außenwelt abgeschnitten werden. Es gab ein paar Ausnahmen: Ein Undergroundrock-Musiker fragte mich, ob ich einmal David Bowie getroffen hätte, denn er hatte es schon. Aber die meisten Menschen kannten die Außenwelt nur über das Fernsehen. Sie vermuteten, dass was ihnen erzählt wurde überwiegend falsch war, aber sie waren sich nicht ganz sicher.

Manche wollten es lieber nicht wissen. Die Russen, die keine Zweifler oder Rockmusiker waren, trauten sich oft nicht mit uns zu reden. Wenn ich auf der Straße nach dem Weg fragte, wirkten sie manchmal von meinem ausländischen Akzent überrascht und liefen weg. Kellner, Hotelangestellte und Universitätsprofessoren hielten Abstand. Obwohl das System zum damaligen Zeitpunkt schon nachgiebiger war, blieb ein gewisses Unbehagen.

Wo Angst in den Hintergrund trat, trat Armut in den Vordergrund. Leningrad zerfiel. Über den Kanälen hing ein leichter Abwassergeruch. Die Ladenregale waren leer. Schlangen bildeten sich rasch woimmer es Schuhe oder Wurst zu holen gab. In den Bücherläden gab es keine interessanten Bücher, und in den Zeitungen gab es nichts außer dem erstarrten Parteijargon. Das Fernsehen war langweilig. Man benötigte Einfluss um an Theaterkarten zu kommen. Gegen Ende meines Aufenthalts fragte mich einer meiner Freunde, ob ich seinen Cousin heiraten würde, um ihm dadurch die Flucht zu ermöglichen. “Du würdest jemandem das Leben retten”, sagte er mir. Ich habe es nicht getan.
Aber wie sich herausstellte, wäre es auch gar nicht nötig gewesen. Als ich in Leningrad ankam, wurde Michail Gorbatschow gerade Generalsekretär und der kalte Krieg war noch ziemlich im Gange. Aber fast schon als ich gerade aufbrach, begannen sich die Dinge zu ändern. Jede Amerikanerin, die ihre erste Reise über den eisernen Vorhang auch nur drei Jahr später, 1988, machte, traf auf eine völlig andere Welt mit einem völlig anderem Vokabular—Glasnost, Perestroika, Reform—als jene, die ich vorfand. Was auch bedeutet, dass jeder, gleich welcher Nationalität, der mehr als zehn Jahre jünger als ich ist, nicht als Erwachsener die Erfahrung einer UdSSR, oder eines kalten Kriegs oder eines, wie wir es mal nannten, “real existierenden Sozialismus” gemacht haben kann.

Kürzlich wurde mir klar, dass dies von Bedeutung ist. Nicht etwa, weil meine eigene Erfahrung von Bedeutung wäre, sondern weil es heißt, dass die lebendige Erinnerung der UdSSR wahrlich verblasst und das Wesen der UdSSR—ihre absonderliche Schrecklichkeit, ihre Kriminalität, ihre Dummheit—immer schwieriger zu erklären wird. Das Gefühl, von Lügen umgeben zu sein; die immer gegenwärtige Angst abgehört oder denunziert zu werden; die ständige, schreiende, nicht zu entrinnende Propaganda; die Verdrossenheit der Massen in der Metro; die Erinnerungen an den massenhaften Terror knapp unter der Oberfläche; die nützlichen Idioten und Kriecher die das ganze noch unterstützt haben, sowohl in Russland als auch im Ausland; all das ist jetzt absolut unmöglich zu vermitteln.
Das hat ein paar amüsante Folgen. Ich hätte ganz bestimmt niemals gedacht, noch den Tag erleben zu können, an dem stalinistische Architektur, einst düstere Verkörperung des politischen Terrors, einmal als ansprechend-retromäßig empfunden wird. In einem kürzlichen erschienen Buch schwärmt ein junger britischer Autor, Owen Hatherley, von der Stalinallee, einer monströsen Ansammlung von Betonblöcken im Herzen dessen, was früher einmal Ostberlin war. Obwohl die Straße einmal für alles stand, was befremdlich und merkwürdig war, findet sie Hatherly jetzt “äußerst anregend”, und dass sie “Sozialismus mit echter Großzügigkeit und Herrlichkeit” repräsentiere, “wo das Hierarchische der Herrschaft des Gleichschritts des Öffentlichen untergeordnet ist”. Der Bewunderer der trostlosen stalinistischen Wolkenkratzer in Warschau oder Moskau sind ebenfalls mehr geworden.

Etwas weniger amüsant ist die Wiederauferstehung alter Marxisten wie Jeremy Corbyn, der kürzlich gewählte Vorsitzende der britischen Labourpartei. Viele Jahre lang hatte Corbyn für den Morning Star geschrieben, der Britischen Linksaußenzeitung, wo er seine antiamerikanischen, anti-NATO-, antisemitischen und sogar antibritischen Empfindungen darbot. Diese Ansichten beunruhigen nicht mehr eine Generation, die sich nicht daran erinnern kann, wer solche Ansichten in der Vergangenheit verbreitete, oder weshalb. Seine konservativen Gegner werfen ihm vor, eine Politik voranzutreiben, von der man zuletzt in den 1980ern etwas gehört hat. Aber was bedeutet das für Leute, die in diesen 1980ern geboren wurden? Für sie hört sich Corbyn ganz neuartig an.

Und trotzdem: die Wiederauferstehung der westlichen Linksextremen oder die Wiederkehr vergessener britischer Genossen ist nicht, worüber ich mir die meisten Sorgen mache. Mir macht das erstaunlich schnelle Wiederaufleben eines feindlich gesinnten russischen Staates sorgen, eines, das von Männern geführt wird, die vom Sowjetstaat erzogen und ausgebildet wurden und daher bereit sind, eine wohlbekannte Mischung aus Terror, Täuschung und militärischer Gewalt anzuwenden, um an der Macht zu bleiben. Man kann natürlich einwenden, dass solche Männer nie weg waren. Aber das Maß ihrer Aggression steigt gerade zu dem Zeitpunkt an, als unsere einst erhebliche Fähigkeit, dieser entgegenzutreten, gänzlich verschwunden zu sein scheint. Stattdessen haben wir ja schon Schwierigkeiten sie als das zu erkennen, was sie sind.

Dies wurde im März 2014 offenkundig, gleich nach der ukrainischen Revolution, bei der der mit Russland verbündete Viktor Janukowitsch abgesetzt und die demokratische Verfassung des Landes wiederhergestellt wurde. Auf der ukrainischen Halbinsel der Krim tauchten plötzlich “kleine grüne Männchen” auf, wie sie später genannt werden sollten. Ausgerüstet mit Feuerwaffen, Uniformen ohne Hoheitszeichen tragend und Militärfahrzeuge ohne Nummernschilder fahrend fingen sie an, systematisch die Gebäude der Gebietsverwaltung und Fernsehsender einzunehmen. In fast jeder größeren Stadt schienen lokale “Politiker”, von denen einige vorher Anführer krimineller Banden waren, darauf vorbereitet gewesen zu sein, diese grünen Männchen willkommen zu heißen, fast als ob sie vorgewarnt worden wären.

Die westliche Reaktion darauf war Verwirrung, Erstaunen, Konsternierung. Was passierte? War dies ein lokaler Aufstand? Ein Bürgerkrieg? Waren diese unbekannten Männer Russen oder von Russland? Waren sie Russen von der Krim?

Ich wusste genau, wer sie waren: russische Spezialeinheiten. Ich wusste es, weil sie so aussahen, sprachen und genau so vorgingen wie die sowjetischen Spezialeinheiten, damals bekannt als das NKWD, die Polen 1939 betraten, die baltischen Staaten 1940 und dann ganz Osteuropa 1945. Wie ihre zeitgenössischen Nachfahren trugen jene Truppen des sowjetischen Innenministeriums Uniformen ohne Hoheitszeichen, oder manchmal polnische oder ungarische Uniformen. Wie ihre zeitgenössischen Nachfahren behaupteten sie auch, lokalen Kräften zu Hilfe zu kommen—unterdrückte Minderheiten, lokale kommunistische Parteien—die in manchen Fällen vor deren Ankunft nicht einmal existierten.
Daran war während der Sowjetära nichts ungewöhnliches. Während der gesamten Zeit ihres Bestehens marschierte die UdSSR nie in ein anderes Land ein; nein, nein, sie kam lediglich unterdrückten Minderheiten oder verbrüderten Gruppen zu Hilfe. Aber sie ging niemals, ohne ihr eigenes totalitäres System aufzuerlegen, oder, wie in Afghanistan, ohne dies zu versuchen. Wenn das NKWD, später bekannt als der KGB, die Grenze überquerte, nahm er immer mögliche Dissidenten in Haft, übernahm die Medien, schloss Vereine und Verbände, verstaatlichte Unternehmen und schaffte die Angst und die Armut, die ich später in Leningrad sah.
Und das ist genau das, was Russland, unter der Führung von Wladimir Putin, ein ehemaliger KGB-Offizier, tat, nachdem er 2014 der “unterdrückten russischen Minderheit auf der Krim” zu Hilfe kam–obwohl die russischen Besatzer die Unternehmen, anstatt sie zu verstaatlichen, von deren ukrainischen Besitzern stahlen und sie Russen gaben. Die Zeiten ändern sich.

Seit dem Überfall auf der Krim sind die Russen unter Zuhilfenahme der selben Taktik auf die Ostukraine vorgerückt. Im Zuge einer unverhofften Wendung sind sie jetzt auch dem syrischen Konflikt beigetreten, um dem verbrüderten Assadregime zu Hilfe zu kommen. Nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern den ganzen “Westen”, wie man ihn früher nannte, verblüfften diese Züge, stürzte ihn sogar in ein strategisches Durcheinander. Und das ist kein Wunder. In dem Vierteljahrhundert seit dem Fall des Kommunismus haben wir vergessen, wie ein zynisches, gewissenloses, autoritäres russisches Regime aussieht, insbesondere eines mit einer kühnen globalen Strategie und absolut keinem Skrupel, Menschenleben zu opfern. Lassen Sie es mich nochmal klarer sagen: Fast alle Männer, die gerade Russland regieren (und sie sind alle Männer), wurden vom KGB erzogen und ausgebildet. Ihre Erziehung und Ausbildung macht sich bemerkbar. Warum auch nicht?

Das soll nicht heißen, Russland sei das schärfste autoritäre Regime der Welt, oder dass es es langfristig die größte Gefahr für die globale Ordnung darstelle. Aber es ist dasjenige, welches, wieder dank seiner Führung mit KGB-Ausbildung, speziell auf uns fixiert ist: auf unser politisches System, unsere Medien, unsere Finanzmärkte. Iran mag den Nahen Osten dominieren wollen, und China mag es darauf absehen, Südostasien zu dominieren. Beide könnten irgendwann auf direktere Weise versuchen, sowohl die Vereinigten Staaten als auch Europa zu untergraben. Auf jeden Fall beobachten sie die Anstrengungen Russlands mit großem Interesse. Aber zum jetzigen Zeitpunkt unternimmt nur Russland ernsthafte Versuche, die westlichen Institutionen zu untergraben, darunter die Europäische Union, die NATO und diverse Abkommen, die die Nachkriegs- und Nachwendeordnung zusammengefügt haben. Wenige Leute in wenigen westlichen Hauptstädten erkennen jedoch, was Russland vor hat. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kann es sich wahrscheinlich sehr gut vorstellen. Es widerstrebt ihr, sämtliche notwendigen Folgerungen daraus zu ziehen, aber ich bin mir sicher, dass sie Wladimir Putins Taktik versteht, wenn auch nur, weil sie mit ihr in Ostdeutschland aufgewachsen ist.

Diese Taktik ist nicht genau dieselbe, die Putin beim KGB in den 1970er und 1980er Jahren lernte, aber ebenso wenig ist sie davon völlig verschieden. Zum Beispiel hat das russische Regime in den letzten zehn Jahren eine staatlich gelenkte Medienmaschinerie wiederhergestellt, die weit ausgeklügelter ist, als alles, was die UdSSR jemals erfand und trotzdem ähnlich engstirnig [wie die Sowjetmedien] ist. Obwohl es dutzende Nachrichtenanbieter, Unterhaltungskanäle und Magazine gibt, sind sie alle auf der selben politischen Linie, mit nur wenigen Ausnahmen. Es entsteht der Eindruck von Vielfalt aber eine Einheit der Botschaften. Darunter: Die Vereinigten Staaten sind eine Bedrohung; Europa ist entartet; die Ukraine wird von Nazis regiert; Russland, das in unfairer Weise seiner Rolle in der Welt entzogen wurde, wird nun endlich wieder eine Supermacht. Für jeden, der sich daran erinnert wie die kommunistische Ideologie versuchte, die gesamte Geschichte und die gesamte gegenwärtige Politik durch die Linse einer riesigen Verschwörungstheorie darzustellen, ist das nichts neues. Aber wer erinnert sich denn wirklich?

Im Ausland argumentieren von Russland finanzierte Fernsehsender, Webseiten und Internettrollfabriken auf ähnliche Weise in vielen Sprachen. Russland unterstützt auch—in manchen Fällen finanziell, in anderen ideologisch—Politiker, Geschäftsleute, Journalisten und “Experten”, die ähnliche Aussagen verbreiten. Unter ihnen Marine le Pen, Anführerin der Rechtsextremen in Frankreich; Gerhard Schröder, der ehemalige Kanzler Deutschlands; Vaclav Klaus, der ehemalige tschechische Präsident, der jetzt einem Thinktank nahe steht, der von einem russischen Oligarchen gegründet wurde. Mitglieder der ungarischen und österreichischen rechtsextremen Parteien sind auf die Krim gereist, um die russische Besatzung zu unterstützen. Syriza, die linksextreme Partei in Griechenland, hat ebenfalls weitreichende Beziehungen zu Russland.
Unechte Forschungsinstitute, “Freidensbewegungen”, fiktive politische Gruppen, nützliche Idioten, und gesteuerte Personen mit Einfluss, sowohl bezahlt als auch unbezahlt… Das kennen wir auch alles. Ja, die Ideologie hat sich geändert. Heutzutage unterstützt Russland jeden, der bereit ist, Russlands Interessen voranzubringen, ob Rechtsextrem oder Linksextrem, und jeden, der dabei helfen kann, die herrschende europäische Ordnung zu untergraben. Anstatt zu Versuchen, eine internationale kommunistische Revolution aufzuziehen, ist das oberste Ziel, Wladimir Putin an der Macht zu halten und die Welt sicher zu machen für russische Korruption, russische Oligarchen und russisches Geld. Was sich in der Tat als viel ansprechender erweisen könnte, als die Diktatur des Proletariats.

Der amerikanische Präsident sagt gerne, dass dies kein neuer Kalter Krieg sei, und bis zu einem gewissen Punkt hat er recht. Aber der Konflikt, in dem wir uns ungewollter weise wiederfinden, ist auch nicht ganz unbekannt, und auch wenn wir das nicht sehen wollen: die Russen sehen es. Nochmal, das sollte niemanden überraschen. Russland wird von Männern regiert, die tief mit dem sowjetischen System verbunden sind, und dessen Zusammenbruch die erschütterndste und desorientierndste Erfahrung in ihren Leben war. Im Gegensatz dazu werden die meisten westlichen Länder von Männern und Frauen regiert, die dachten, dass der Zusammenbruch der UdSSR bedeutete, dass sie alles endlich hinter sich lassen und über etwas anderes nachdenken können.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir im Westen nicht sofort zu den offensichtlichen Lösungen gekommen sind. Wir könnten zum Beispiel das westliche Bündnis verstärken, wie wir es in der Vergangenheit getan haben. Wir könnten eine militärische Abschreckung aufbauen, um zu verhindern, dass sich die ukrainischen und syrischen Eskapaden nicht in Estland oder Schweden wiederholen. Schließlich könnten wir den “Informationskrieg” ernst nehmen. Wir könnten Organisationen finanzieren, die russische Desinformation entlarven, glaubwürdigen russischen Journalismus unterstützen und ihre großangelegten Anstrengungen in den sozialen Medien und bei der Korruption untergraben. Wir könnten uns auch viel mehr Gedanken über russische Spione und Hacker machen.

Manches davon haben wir schon gemacht, ja, aber mit wenig Überzeugung. Und das, schätze ich, weil wir uns nicht daran erinnern, wie sie in der Vergangenheit gearbeitet haben.

Ich bin bereit, einzugestehen, dass ich, weil ich Bücher über Sowjetgeschichte schreibe und auch, weil ich diesen Sommer 1985 in Leningrad verbrachte, etwas zu stark dazu neigen mag, die alten Muster russischer Außenpolitik zu sehen. Obwohl es schwer ist, über die sowjetische “Befreiung” Polens geschrieben zu haben und nicht die Parallelen zur russischen “Befreiung” der Krim zu sehen, insbesondere, wenn ein Teil der selben Sprache verwendet wird, weiß ich, dass es Grenzen gibt. Putin ist nicht Stalin, nicht mal Breschnew.

Aber während ich durch meine Erfahrung mit der sowjetischen Vergangenheit voreingenommen sein mag, halte ich es für angemessen, festzustellen, dass diejenigen, die nicht diese Erfahrungen gemacht haben, durch diesen Mangel in die andere Richtung voreingenommen sein könnten. Denn diejenigen, die jünger als 40 sind, erinnern sich nicht an die UdSSR, viele davon sind in Positionen mit Macht und Autorität und Einfluss und nicht hinreichend geneigt, diese Muster zu sehen. Weil sie sich nicht an den KGB erinnern, sind sie nicht in der Lage, die Taktik wieder zu erkennen, die er in der Vergangenheit benutzte. Und weil sie sich nicht daran erinnern, wie wir den KGB untergraben haben, sind sie noch nicht darauf vorbereitet, dem KGB Widerstand zu leisten, der sich wieder einmal dem Untergraben der Regeln einer zivilisierten Welt widmet.

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5 thoughts on “Russland und das große Vergessen

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